Keine digitale Zukunft für Welschneudorf?

(art) Verpasst Welschneudorf den technologischen Anschluss an die Zukunft? Diesen Eindruck hinterließen zuletzt die Einschätzungen von Ortsbürgermeister Ralf Heibel und Verbandsbürgermeister Ulrich Richter-Hopprich zum aktuellen Stand des Glasfaserausbaus in Welschneudorf. Seit rund drei Jahren wirbt die Glasfaser Montabaur GmbH & Co. KG in Kooperation mit Vodafone in einer sogenannten „Nachfragebündelung“ in der Verbandsgemeinde Montabaur für den Aufbau eines regionalen Glasfasernetzes. Bei diesem Verfahren erklärt sich ein Anbieter (hier die Vodafone) bereit, unter bestimmten Bedingungen ein solches Netz aufzubauen. Das Gebiet der VG wurde dazu in 18 so genannte „Glasfasercluster“ eingeteilt. Unter der Voraussetzung, dass mindesten 40 Prozent aller Haushalte in einem Cluster einen Vorvertrag mit dem Anbieter abschließen, kann dort mit dem Ausbau begonnen werden. Dieses Ziel ist bisher für den Bereich, in dem die Gemeinden Welschneudorf und Oberelbert liegen (Cluster 5), offensichtlich noch nicht erreicht.

Ortsbürgermeister Heibel wies deshalb bereits in der letzten Wochenblatt-Ausgabe des Jahres 2021 darauf hin, dass sich bisher „nicht genug Bürgerinnen und Bürger aus Welschneudorf angemeldet haben“, um sich dem Projekt „Glasfaserausbau in der Verbandsgemeinde“ anschließen zu können. Der Grund für eine Ablehnung sei immer gleich: „Das brauchen wir nicht und deshalb gebe ich dafür kein Geld aus“, zitiert der Ortsbürgemeister ein wohl gängiges Argument. Was „in der Einzelfallbetrachtung einleuchtend“ sein könne, schädige aber in der Gesamtbetrachtung die gesamte Gemeinde, meinte Heibel demgegenüber und warnte: „Wenn wir es nicht schaffen einen Anschluss an das Glasfasernetz zu bekommen, verpassen wir die einmalige Chance, Welschneudorf für die Zukunft digital konkurrenzfähig zu gestalten.“

Noch kein Glasfaser in Sicht: In Welschneudorf tun sich die Bürger mit einer Entscheidung für die moderne Kommunikationstechnologie offenbar schwer. (Foto: Eberth)

Gefruchtet hat seine Warnung bis heute offenbar nicht. Das wird deutlich, wenn man sich die Vielzahl der werbenden Plakate betrachtet, die vom Träger des Glasfaserprojektes kürzlich in der Ortsgemeinde als weitere Motivationshilfe angebracht wurden. Jetzt hat der Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Montabaur, Ulrich Richter-Hopprich, die Argumente des Ortsbürgermeisters noch einmal bekräftigt. In einem Schreiben an die Welschneudorfer Haushalte betont er die Bedeutung des Projekts für Infrastruktur und Attraktivität der Ortsgemeinden in der VG: „Die Anschlüsse, die jetzt verlegt werden, bringen jedem Einzelnen Vorteile“, meint Richter-Hopprich und betont: „Mit einem flächendeckenden Glasfasernetz gewinnt unsere Gemeinschaft, denn wir werden als attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort aufgewertet. Wir können unsere Gemeinden digitaler gestalten, vom Zugang zum Bürgerbüro über das digitale Dorfgespräch bis zur Telemedizin wird alles einfach möglich.“

Darüber hinaus bringt ein Glasfaseranschluss nach Auffassung des Verbraucher-Informationsportals „glasfaser-internet.info“ für Hausbesitzer eine nicht unerhebliche Wertsteigerung ihrer Immobilie mit sich. Das Portal beziffert diese auf drei bis acht Prozent.

Nicht zuletzt sind moderne, schnelle Netzanschlüsse längst auch für Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen von besonderer Bedeutung. Bei einer Befragung von JungmeisterInnen durch die Handwerkskammer (HwK) Koblenz, in welchen Unternehmensbereichen der Handwerksbetriebe bereits digitale Lösungen angewandt werden, gaben 72 Prozent der Befragten die Betriebsorganisation (Auftragsverwaltung, Personalmanagement, Lagerhaltung, Terminplanung etc.) und 47 Prozent die Erschließung neuer Vertriebswege (z. B. Online-Shop, Social-Media-Kanäle) an. Zukünftig wird laut HwK in diesen beiden Bereichen auch das größte Entwicklungspotenzial gesehen (Betriebsorganisation 51 Prozent, Vertriebswege 43 Prozent).

Für Betriebe hängt die Planungssicherheit in Sachen IT-Technik deshalb davon ab, ob in absehbarer Zeit ein Glasfasernetz in der Gemeinde zur Verfügung steht oder nicht. Auch deshalb appellierte Ortsbürgermeister Heibel in seinem Wochenblatt-Beitrag an alle, die dem Projekt skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken: „Was wollen Sie tun, wenn in absehbarer Zeit die Parabolspiegel für das Fernsehen nicht mehr genutzt werden können, da die Sender nur noch über die Kabel ausstrahlen? Wenn alle Telefonleitungen nur noch über das Glasfasernetz laufen? Auch den Mehrwert für Ihr Haus sollten Sie bedenken. Denken Sie an Ihre Kinder oder Enkel, die in der heutigen Zeit für die Schule, das Studium oder die Arbeit auf eine gute Internetverbindung angewiesen sind. Es geht mir nicht darum, dass ich Ihnen etwas aufschwätzen möchte, das Sie nicht brauchen. Mir geht es um die Zukunft derer, die in Welschneudorf wohnen und arbeiten und auch in Zukunft noch wohnen und arbeiten möchten.“

Sollte das Projekt „Glasfaserausbau“ in Welschneudorf wegen zu geringer Nachfrage scheitern, dürfte sich das auch auf die Pläne der Ortsgemeinde für eine digitale Präsenz auf der Plattform des Fraunhofer Instituts für experimentelles Software Engeneering (IESE) mit dem Titel „Digitale Dörfer“ auswirken (siehe Beitrag „Neue Internetpräsenz für Welschneudorf„). Für die vielfältigen Möglichkeiten, die dieses Projekt jetzt schon – auch und besonders für ältere Menschen – bietet, wird eine künftige schnelle Internetanbindung von entscheidender Bedeutung sein.

Manche Kritiker des Glasfaserprojekts bemängeln, dass man mit einem Anschluss zwei Jahre lang an den Anbieter Vodafone gebunden sei. Dies ist allerdings vielfach auch dann der Fall, wenn man bei seinem bisherigen Anbieter im derzeitigen DSL-/VDSL-Netz in einen leistungsfähigeren Tarif wechselt. Außerdem steht es jedem Interessenten frei, nach den zwei Jahren zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass dieser das Vodafone-Netz auch nutzen will und kann. Sollte Vodafone in einer Gemeinde wie Welschneudorf ein Netz aufbauen, so ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass andere Internetanbieter parallel dazu ein weiteres Netz etablieren werden. Vielmehr werden sie auf das vorhandene Netz „aufsatteln“ und dafür entsprechende Entgelte an den Betreiber zahlen. Diese fließen schlussendlich in die Tarifentgelte der Kunden ein.

Es werden stellenweise auch Zweifel an den von Vodafone genannten Kosten für einen späteren Glasfaser-Hausanschluss geäußert. Laut Glasfaser Montabaur GmbH & Co. KG ist ein Hausanschluss mit Abschluss eines Produktvertrages (inkl. 12 m Hausanschlusslänge) kostenlos. Wird ein Anschluss während der späteren Bauphase gewünscht, fallen brutto 1.190 Euro an. Ein Produktvertrag (Tarifabschluss bei Vodafone) ist dabei nicht notwendig. Wer allerdings erst nach Beginn des Netzbetriebes einen Anschluss möchte, muss – auch ohne Produktvertrag – mit brutto 3.570 Euro rechnen.

Das Internetunternehmen 1&1 als Anbieter für Mobilfunk- und Breitband-Zugänge für Privatkunden erklärte gegenüber WiW, keine eigene Glasfaser-Infrastruktur aufbauen zu wollen. „Das Know-how zum großflächigen Glasfaser-Infrastrukturausbau“, so eine Firmensprecherin, „ist bei unserer Konzernschwester 1&1 Versatel gebündelt, die Glasfaser-Anschlüsse für Geschäftskunden anbietet und jedes Jahr hohe Millionenbeträge in den weiteren Ausbau investiert“. Demnach umfasst das Glasfasernetz von 1&1 Versatel, das stetig weiter ausgebaut wird, derzeit deutschlandweit rund 51.000 Kilometer. „Wir nutzen diese Infrastruktur bei der Bereitstellung unserer 1&1 DSL- und Glasfaseranschlüsse“, erklärte Jessica Glietz von der 1&1 Pressestelle. Gleichzeitig arbeite 1&1 mit lokalen und überregionalen Partnern zusammen, deren Glasfaser-Ausbau in Form gemeinsamer Investitionen vorangetrieben werde.

Das heißt: 1&1 wird künftig deutschlandweit Glasfaser-Anschlüsse für Privatkunden anbieten. „Dafür werden wir auf die Anschlüsse von Partnerunternehmen zurückgreifen und gleichzeitig die Glasfaser-Infrastruktur von 1&1 Versatel nutzen“, so Glietz, die aber detaillierte Informationen zu lokalen Ausbaugebieten, Ausbau-Voraussetzungen, zu Kosten und Timings zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht nennen wollte.

Ähnlich wie die Deutsche Telekom kann 1&1 nach eigenen Angaben in Welschneudorf zum jetzigen Zeitpunkt bereits viele Haushalte auf der Basis des herkömmlichen Kupferkabel-Netzes mit schnellen Internet-Anschlüssen mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Mbit/s im Download versorgen. „Damit bieten wir schon heute ein zukunftsfähiges Angebot zu attraktiven Konditionen für die Menschen in Montabaur und unmittelbarer Umgebung“, betonte Glietz. Vodafone hingegen verspricht mit dem geplanten Glasfasernetz Geschwindigkeiten von bis zu einem Gigabit/s, also etwa viermal so viel.

Auch die Telekom plant nach ihren Angaben derzeit keinen flächendeckenden Glasfaserausbau für die Ortsgemeinde. „Die Planungen für die nächsten Jahre seien jedoch noch nicht abgeschlossen, so Pascal Kiel von der Telekom-Pressestelle. „Bis 2030 sollen aber alle Haushalte in Deutschland direkten Zugang zum Glasfasernetz erhalten, der Großteil davon kommt von der Telekom“ so der Unternehmenssprecher gegenüber WiW. Das erste Etappenziel lautet demnach zehn Millionen Anschlüsse bis 2024.

Laut Kiel sparen sich Bauherr*innen bei einem Glasfaser-Ausbau der Telekom  in der Regel 800 EUR. Inbegriffen sind dabei die Kosten, um die Glasfaser vom Gehweg über das eigene Grundstück ins Gebäudeinnere zu bringen. Hier endet die Glasfaser meist im Hausanschlussraum. Zum Betrieb benötigt es dann noch einen entsprechenden Tarif und ein Endgerät. „Eigentümerinnen und Eigentümer sollten, um das volle Potenzial der Glasfaser nutzen zu können, auch die Innenverkabelung ihres Gebäudes entsprechend auf Glasfaser umrüsten“, empfiehlt Kiel. Darüber, wie hoch die Kosten für einen Hausanschluss wären, wenn 1&1 oder Telekom so wie Vodafone ein eigenes Netz ausbauen würden, lässt sich allerding nur spekulieren.

Sollten die Welschneudorfer sich weiter dem Angebot der Vodafone für eine moderne Glasfaserinfrastruktur verweigern, wird dies sicher auch ein entsprechend negatives Signal an andere Netzanbieter senden. Die Aussichten, dass in einer einzelnen ländlichen Gemeinde ein separates Glasfasernetz angelegt wird, sind wohl kaum realistisch. So betont auch Verbandsbürgermeister Richter-Hopprich in seinem Rundschreiben an die Welschneudorfer Haushalte, es sei „momentan nicht absehbar, wer wann eine flächendeckende Glasfaserversorgung in unserer Region übernehmen würde, wenn unser Projekt nicht in Ihrer Gemeinde umgesetzt wird“.

Für vergleichbar schnelle Anschlüsse im Gigabitbereich käme dann künftig wahrscheinlich nur noch ein 5G-Mobilfunknetz in Betracht. Dies hätte zumindest nach dem derzeitigen Stand der Technik jedoch zur Folge, dass in den Welschneudorfer Straßen im Abstand von mehreren Hundert Metern jeweils eine Sendeanlage errichtet werden müsste. Die hätten zwar nicht die Ausmaße des 4G-Sendeturms der Telekom am Welschneudorfer Sportplatz, doch damit, so sind sich Kritiker der 5G-Technik einig, stiege auch die Belastung der Umwelt durch hochfrequente elektromagnetische Felder deutlich an (siehe dazu den Beitrag „Mehr Mobilfunk und weniger Gesundheit?“). Mehr als 200 Wissenschaftler haben in diesem Zusammenhang an die EU appelliert und fordern ein Moratorium und eine weitere Überprüfung der Auswirkungen von 5G auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt.

Die Glasfaser-Vorvermarktung für Welschneudorf endet nach dem bisherigen Zeitplan am 28. Februar 2022. Bis dahin haben die Welschneudorfer Bürger noch Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob sie einer modernen digitalen Infrastruktur eine Chance geben oder der zukunftsträchtigen Entwicklung der Gemeinde auf unabsehbare Zeit Steine in den Weg legen wollen.

Dieser Beitrag wurde unter Ortsbürgermeister, Ortsgemeinde, Wirtschaft & Gewerbe abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar